Faszination Extremsport
Statistisch absolut sicher und emotional unschlagbar - meine Erfahrungen mit Luftsportarten, die viele als "extrem" bezeichnen würden: Bungeejumps und Fallschirmspringen
Extremsportler? Ich? Nein, sicher nicht.
Ich bin kein Bodybuilder auf Steroide, kein gedopter Ausdauersportler und auch kein Free-Solo-Kletterer, sondern lediglich ein abenteuerverrückter Mensch, der in Sachen wie Bungeejumping, Fernwanderungen oder Fallschirmspringen mehr als ein einmaliges Erlebnis im Leben sieht. Mehr noch. Ich bin jemand, der darin Leidenschaft findet und den nächsten Kick sucht. Und auch, wenn ich meines Ermessens kein Extremsportler bin, lande ich doch immer wieder bei diesem Wort, meist bei Haftungsausschlüssen, die ich unterschreiben muss, am allermeisten jedoch in den Blicken anderer.
Vielleicht gehen meine zwei Alpenüberquerungen etwas in die extreme Richtung. Ungeplant, alleine und jeweils 280 Kilometer bzw. rund 20.000 Höhenmeter, versehentlich gemischt mit ungesicherter Kletterei, darüber lässt sich diskutieren. Doch alles andere, was ich so treibe, ist höchstens extrem schön wie meine italienische Perle Ducati 1098S oder extrem luftig wie fortgeschrittenes Canyoning und der ein oder andere Klettersteig hohen Schwierigkeitsgrades. Doch wirklich extrem im Sinne von riskant, ausgefallen oder verboten ist nichts von dem allen. Warum das Wort "Extremsport" nicht einfach akzeptieren, schmeichelt es mir doch auch irgendwo und wird es mir eh immer wieder nahegetragen wie beispielsweise in den Haftungsausschlüssen von Bungeejumping?
In meinen Augen sind die zwei Bungees, die ich nun absolviert habe, angefangen mit dem höchsten Sprung Südamerikas mit 140 Meter und dem nach eigenen Angaben höchsten Jump der Welt in China (Zhangjiajie Nationalpark) mit 260 Meter definitiv kein Extremsport. Sie sind viel mehr eine statistisch super sichere Touristenattraktion und für viele etwas, was sie eben einmal im Leben gemacht haben wollen. Mit einmal im Leben möchte ich mich jedoch nicht zufriedengeben. Wie so oft, wenn ich mich zu so etwas überwunden habe, denke ich mir hinterher "Ach nein, jetzt gefällt mir das auch noch verdammt gut.".
Und Fallschirmspringen? Ich bin letztes Jahr 3 mal aus dem Flugzeug gesprungen. Das erste Mal mit äußerst gemischten Gefühlen, da Luftsport in meiner Familie ein vorbelastetes Thema ist. Das zweite Mal mit brennender Leidenschaft und Begeisterung und das dritte Mal in Thailand schon aus fast purer Gier nach mehr. Doch ist Fallschirmspringen ein Extremsport? Ein klares Nein. Dieser Sport wird nur gesellschaftlich als extrem empfunden, weil der Freifall an eines der größten Überlebensinstinkte überhaupt appelliert, nämlich die Höhenangst. Doch statistisch gesehen gehört dieser Sport sogar zu den sichersten Sportarten überhaupt. Es gibt verwandte Sportarten wie das Basejumpen und Wingsuitflüge von Gebäuden oder Bergen, was als deutlich riskanter gilt als der Sprung aus dem Flugzeug und was man daher vielleicht zurecht als Extremsport bezeichnen kann.
Apropos Bungeejumping und Fallschirmspringen – was ist schwieriger?
Ganz klar der Bungeejump. Die Hemmschwelle ist wesentlich höher, denn man muss selbst den Sprung einleiten und auch nicht irgendwie springen, sondern nach vorne geneigt und vom Seil weg. Außerdem ist der Boden sichtbar, weshalb der natürliche Überlebensinstinkt mit höchstmöglichen Puls die Botschaft "Bist du deppert?!?!" durch den ganzen Körper rauschen lässt. Wenn man dann erst mal gesprungen ist, kommt man in die Beschleunigungsphase. Die Schwerkraft greift nach dir und der nach wie vor protestierende Überlebensinstinkt lässt die Arme irgendwo hin rudern, in der Hoffnung, irgendetwas greifen zu können. Doch da ist nichts und die Schwerkraft waltet ihres Amtes, sie lässt dich in Bruchteilen von Sekunden sehr schnell fallen, was mit einem Rauschen in den Ohren bemerkbar wird. Diese Beschleunigungsphase kickt am meisten, der Eintritt in diesen unnatürlichen Zustand, den der Überlebensinstinkt um jeden Preis vermeiden will, scheppert wirklich gewaltig.
Dann kommen wenige, kostbare Sekunden, in denen man in voller Fahrt nach unten rauscht. Ich kann nicht anders, beim ersten Mal habe ich geschrien wie ein Schwein am Spieß, beim zweiten Mal war es schon eher ein Jubel. Das habe ich auch beim Canyoning gemerkt, sobald die Sprünge die 10 Meter Marke übertreffen, kann ich mein Mundwerk nicht mehr beherrschen. Doch irgendwann fängt das Seil sanft an, zu greifen. Diese wenigen Sekunden sind ebenfalls ein ganz besonderes Erlebnis, denn der Überlebensinstinkt realisiert dann, dass er mit etwas verbunden ist, da ist etwas Greifbares, und auch, wenn man gerade kopfüber mitten in der Luft baumelt, es kehrt ein Gefühl der Sicherheit zurück und mit diesem Gefühl kommt dann auch die Genussphase. Das Erfolgserlebnis, seine Angst (Höhenangst ist eine sehr intensive und tief verankerte Angst) besiegt zu haben und der Adrenalinrausch, den es zu Belohnung gibt – oh, wie schmeckt das herrlich, wie wenn Jesus nach seiner 40 tägigen Wüstenwanderung das Vatertagsfest beim Boandlbräu vor seiner Nase finden würde. Irgendwann bleibt man stehen, das Seil ist in voller Dehnung, nun federt man wieder nach oben und dann nochmal nach unten. Noch ein Zuckerl auf den erfolgreichen Sprung, den man gerade absolviert hat. Irgendwann kommt man dann wieder runter und es beginnt, unangenehm zu werden. Der Gurt zwickt, das Blut schießt in den Kopf und man hängt mit dem Kopf nach unten einfach deppert in der Gegend, bis schließlich die Hilfsleine kommt und man nach oben gespult wird, selbstverständlich noch immer mit einem fetten Grinsen im Gesicht.
Eins noch zum Bungeejump: Der erste Sprung knallt am Besten, also genießt es! Die nächsten werden leider weniger spannend, auch wenn es immer noch sehr cool ist!
Und Fallschirmspringen?
Ich kann leider nur von Tandemsprüngen berichten, da ich selbst auch nur ein Tourist mit besonderer Leidenschaft für Adrenalin bin. Doch eines weiß ich sicher. Ein Tandemsprung ist einfacher als Bungeejumping und noch um einiges geiler.
Es fängt schon mit dem Einstieg in das Flugzeug an. Der Flug ist nicht besonders angenehm, es ist eng, relativ laut und man sitzt zusammengespannt mit seinem Pilot und den anderen Passagieren auf dem Boden. Dennoch kann man die zunehmend bessere Aussicht genießen, wenn die Aufregung es zulässt. Allein so ein kleiner Rundflug hat doch auch schon etwas! Irgendwann ist dann die Höhe erreicht, die Seitenluke des Flugzeuges wird geöffnet und dann geht alles ganz schnell. Man robbt zur Luke, stellt Arme und Beine so, wie es der Pilot sagt und dann wartet man. Die Füße hängen bereits im Freien, jede Sekunde muss es losgehen. Ein kleiner Ruck, das Tosen des Fliegers weicht einem Rauschen in den Ohren und innerhalb kürzester Zeit hat man schon seine Fallgeschwindigkeit von ca. 200 km/h erreicht. Wie auch beim Bungee hat die Beschleunigungsphase einen besonderen Nervenkitzel und der Freifall – das, was diesen Sport tatsächlich ausmacht – ist erreicht. Doch wie fühlt es sich an? Anders wie beim Bungee ist der Boden hier so weit entfernt, dass es einem gar nicht in den Sinn kommt, dort aufzuschlagen. Dementsprechend stört auch kein lästiger Überlebensinstinkt und es geht nahtlos in die Phase des Genießens über. Es ist, wie ein völlig anderer und kaum erreichbarer Raum, wie ein Ort, an dem es nur eines gibt, nämlich pure, grenzenlose Freiheit. Es gibt nur dich, das Rauschen in den Ohren, einen Gefühlsmix aus purem Glück, Adrenalin und weit und breit nichts anderes. Es gibt keinen Boden, auf den man aufschlagen kann, kein Auto, dessen Vorfahrt man beachten muss oder irgendetwas anderes Materielles, welches potenziell gefährlich oder einfach nur eine Ablenkung sein könnte. Auch im Kopf gibt es nichts anderes mehr, es ist ein Zustand, in dem man einfach nur zu 100% bei sich selbst ist und die Intensität lässt nichts anderes als Glück im Kopf zu. Keine Spur der Aufregung, die man noch mit ins Flugzeug genommen hat, nicht einen Deut von dem, was den Alltag dort unten auf dem weit entfernten Boden bestimmt, kommt mit in diesen herrlichen Freiraum. Es ist schon fast ein übernatürlicher Zustand, in den man sich begibt.
Dieser Glücksrausch dauert ca. 40 Sekunden und diese sind natürlich sehr schnell vorbei. Doch diese kann man für Saltos und Manöver nutzen oder sich alternativ einfach vor- oder rückwärts fallen zu lassen. Rückwärts hat übrigens was, einfach nur der Blick ins Blaue und Mutter Erde im Rücken, das ist wirklich cool.
Dann wird der Schirm ausgelöst, was man mit einen deutlichen Rupfen am Rücken spürt. Das war der Hilfsschirm, der den großen Schirm erst aus dem Container zieht. Was dann folgt, ist so intensiv wie eine Gefahrenbremsung mit dem Auto. Das Öffnen des Schirmes zieht schon gewaltig, schließlich bremst man innerhalb weniger Sekunden von 200 km/h Fallgeschwindigkeit auf 10 km/h ab. Dann hat man noch ein paar Minuten Genussfliegen mit dem Schirm, eigentlich genauso wie beim Gleitschirmfliegen. Man kann genauso noch scharfe Kurven sowie Manöver fliegen und so noch ein wenig Spaß haben. Anders als beim Gleitschirmfliegen ist der Reiz beim Fallschirmsport jedoch der Freifall. Der Flug am Ende ist nur Mittel zum Zweck zur sicheren Landung, während man mit dem Gleitschirm dann auf die Suche nach Aufwinde oder Thermik geht, um noch möglichst lange in der Luft zu bleiben.
Wenn man schließlich wieder sicher auf dem Boden angekommen ist, dann garantiert mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht. Ich muss zugeben, das war das Geilste, was ich im Leben je gemacht habe und es steckt noch Potential dahinter. Man kann im Freifall verschiedene Manöver fliegen, in Gruppen fliegen, senkrecht statt liegend mit annähernd doppelter Geschwindigkeit Richtung Erde rauschen oder gar mit einem Wingsuit wie ein Vogel noch Zeit und Strecke dazugewinnen. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, das Paradies auf Erden ist nicht auf der Erde. Es ist in der Luft!
Ein besonderer Dank geht an Mathias vom LSG Burgheim, der mich bei meinen zwei Sprüngen in Deutschland begleitet hat und das Maximum an Erlebnis und Abenteuer hineingesteckt hat - mein Jump in Thailand war teurer und mehr touristisch. Wer wirklich einen authentischen und abenteuerlichen Funjump haben will, dem kann ich einen Sprung mit Mathias sehr empfehlen!
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